Die größten Irrtümer über Kriminaltechnik aus Film und Fernsehen

Kriminaltechnik - Die 10 größten Irrtümer in Film und Fernsehen

Eine Leiche, ein Fingerabdruck, ein kurzer Blick ins Labor – und schon ist der Täter überführt. So oder ähnlich funktioniert Kriminaltechnik in vielen Filmen und Serien. Die Ermittler finden innerhalb weniger Minuten entscheidende Spuren, DNA wird blitzschnell ausgewertet und ein Fingerabdruck auf dem Tatort führt direkt zum Täter.

Die Realität sieht allerdings ganz anders aus.

Kriminaltechnik ist spannend, aber sie ist selten so spektakulär und vor allem so schnell, wie wir es aus dem Fernsehen kennen. Viele Spuren müssen erst gesichert, dokumentiert, ausgewertet und miteinander verglichen werden. Und manchmal führt selbst die sorgfältigste Spurensicherung nicht zur erhofften Lösung.

Wir haben uns einige der größten Irrtümer über Kriminaltechnik aus Film und Fernsehen genauer angesehen.

1. „Ein Fingerabdruck – und wir wissen sofort, wer der Täter ist“

Fingerabdruck
Bild: Davie Bicker von Pixabay

Der Klassiker: Ein Ermittler entdeckt einen Fingerabdruck am Tatort. Dieser wird eingescannt, wenige Sekunden später erscheint das Foto eines Verdächtigen auf dem Bildschirm.

Ganz so einfach ist es nicht.

Zunächst muss ein Fingerabdruck überhaupt erst einmal gesichert werden. Und längst nicht jeder Fingerabdruck am Tatort ist vollständig oder eindeutig. Häufig handelt es sich um sogenannte latente Spuren, die erst mit geeigneten Verfahren sichtbar gemacht werden müssen.

Außerdem bedeutet ein Fingerabdruck am Tatort nicht automatisch, dass die betreffende Person die Tat begangen hat. Vielleicht war sie schon vorher dort. Vielleicht stammt die Spur aus einer völlig anderen Situation.

Ein Fingerabdruck kann also ein wichtiger Hinweis sein – aber er ist nicht automatisch der Beweis für die Täterschaft.

2. „DNA wird innerhalb von fünf Minuten ausgewertet“

DNA-Analyse im Labor
Foto: Ernesto Eslava von Pixabay

Auch das kennen wir aus zahlreichen Krimiserien: Eine Probe geht ins Labor, der Ermittler wartet kurz, und schon erscheint das Ergebnis auf dem Computer.

In Wirklichkeit ist die DNA-Analyse wesentlich aufwendiger.

Zunächst muss das Spurenmaterial gesichert und im Labor untersucht werden. Je nach Art und Qualität der Probe sind unterschiedliche Arbeitsschritte erforderlich. Anschließend wird das DNA-Profil erstellt und mit vorhandenen Vergleichsproben oder Datenbanken abgeglichen.

Und selbst wenn ein DNA-Profil gefunden wird, beantwortet es nicht automatisch alle Fragen.

Eine DNA-Spur kann beispielsweise zeigen, dass eine Person mit einem Gegenstand oder einem Ort in Kontakt gekommen ist. Sie sagt nicht zwangsläufig, wann dieser Kontakt stattgefunden hat oder unter welchen Umständen.

Die berühmte Fernsehszene „DNA-Ergebnis in zehn Minuten“ gehört deshalb eher ins Drehbuch als in den Laboralltag.

3. „Jede Spur am Tatort ist wichtig“

Auf Film und Fernsehen wirkt ein Tatort manchmal wie eine Schatzkiste: Hier ein Haar, dort ein Schuhabdruck, daneben ein Glas mit Fingerabdrücken – und alles führt zur Lösung.

In der Realität ist ein Tatort voller Spuren. Genau das kann die Arbeit sogar schwieriger machen.

Menschen hinterlassen ständig Spuren. Sie berühren Gegenstände, laufen über Böden, verlieren Haare oder Hautschuppen und hinterlassen Fingerabdrücke. Deshalb muss zunächst unterschieden werden:

Welche Spur ist relevant – und welche ist einfach nur zufällig vorhanden?

Kriminaltechniker müssen deshalb nicht nur Spuren finden, sondern sie auch bewerten und in den Zusammenhang des Tatgeschehens einordnen.

4. „Ein Haar verrät sofort den Täter“

Auch Haare werden in Krimis gerne als entscheidende Spur präsentiert.

Ein Haar kann durchaus kriminaltechnisch interessant sein. Allerdings lässt sich aus einem gewöhnlichen Haar nicht automatisch eine eindeutige Identität ableiten.

Entscheidend ist unter anderem, ob verwertbares genetisches Material vorhanden ist. Bei einem Haar ohne Wurzel sind die Möglichkeiten der DNA-Untersuchung beispielsweise anders als bei einem Haar mit entsprechendem Zellmaterial.

Und auch hier gilt: Selbst eine gefundene DNA-Spur muss immer im Zusammenhang mit den übrigen Erkenntnissen des Falles betrachtet werden.

5. „Der Tatort wird einmal komplett abgesucht – fertig“

Im Fernsehen geht die Spurensicherung häufig erstaunlich schnell. Ein paar Fotos, einige Abstriche, ein paar Fingerabdrücke – und schon wird der Tatort wieder freigegeben.

In der Realität ist die Spurensicherung ein sorgfältiger und dokumentationsintensiver Prozess.

Der Tatort wird fotografiert und dokumentiert. Spuren werden gesichert und beschriftet. Dabei muss nachvollziehbar bleiben, wo eine Spur gefunden wurde, wie sie gesichert wurde und was anschließend mit ihr passiert ist.

Denn eine Spur ist nur dann wirklich wertvoll, wenn auch ihre Herkunft und Verarbeitung nachvollziehbar sind.

Wie sich die Arbeit der Polizei und damit auch die Ermittlungsarbeit im Laufe der Zeit verändert hat, zeigt unser Beitrag Polizeiarbeit vor 100 Jahren.

6. „Mit einem Luminol-Test sieht man sofort, wo Blut vergossen wurde“

Kriminaltechnik: Anwendung von Luminol
Bild: Hannah von Pixabay

Der blaue Leuchteffekt aus Krimiserien ist mittlerweile fast schon ein eigenes Filmgenre.

Luminol kann tatsächlich eingesetzt werden, um mögliche Blutspuren sichtbar zu machen. Der Effekt wirkt im Dunkeln beeindruckend.

Aber auch hier gilt: Was im Fernsehen wie ein eindeutiger Beweis aussieht, ist in der Realität ein Hinweis, der weiter untersucht werden muss.

Denn chemische Reaktionen können unter bestimmten Umständen auch durch andere Substanzen ausgelöst werden. Ein Leuchteffekt allein bedeutet deshalb nicht automatisch: „Hier wurde jemand ermordet.“

7. „Der Computer findet den Täter“

In vielen Serien sitzen Ermittler vor riesigen Bildschirmen und geben einen Namen oder einen Fingerabdruck ein. Sekunden später kennt der Computer die komplette Geschichte der gesuchten Person.

Moderne Datenbanken und digitale Ermittlungsverfahren sind zweifellos wichtige Werkzeuge. Sie können Ermittler bei der Suche nach Zusammenhängen unterstützen.

Aber ein Computer entscheidet nicht einfach selbst: „Das ist der Täter.“

Er liefert Treffer, Vergleichsmöglichkeiten oder Hinweise. Diese müssen anschließend von Menschen überprüft und bewertet werden.

Kriminaltechnik ist deshalb keine magische Kombination aus Datenbank und Computer – sondern vor allem sorgfältige Ermittlungsarbeit.

8. „Spuren sind immer eindeutig“

Das vielleicht größte Missverständnis überhaupt: Eine Spur wird gefunden und liefert eine eindeutige Antwort.

In Wirklichkeit können Spuren unterschiedlich aussagekräftig sein.

Ein Fingerabdruck kann unvollständig sein. Eine DNA-Spur kann von einer Person stammen, ohne dass damit geklärt ist, wann sie dort war. Ein Schuhabdruck kann zu mehreren Schuhen desselben Modells passen.

Eine Spur ist deshalb nicht automatisch eine Geschichte.

Erst die Kombination verschiedener Spuren, Zeugenaussagen, Ermittlungen und weiterer Erkenntnisse kann ein schlüssiges Gesamtbild ergeben.

9. „Kriminaltechniker wissen sofort, was passiert ist“

Film und Fernsehen lassen Kriminaltechniker manchmal wie kriminalistische Hellseher wirken.

Sie betreten einen Tatort, schauen sich kurz um und erklären anschließend genau, was passiert sein muss.

In Wirklichkeit arbeiten Kriminaltechniker wesentlich vorsichtiger. Sie dokumentieren zunächst, sichern Spuren und liefern Untersuchungsergebnisse. Die Interpretation dieser Ergebnisse erfolgt anschließend im Zusammenhang mit den weiteren Ermittlungen.

Gerade bei komplexen Fällen kann es mehrere mögliche Erklärungen geben.

Und manchmal lautet das Ergebnis eben auch:

Diese Spur reicht nicht aus, um eine eindeutige Aussage zu treffen.

10. „Der Täter hinterlässt immer eine verwertbare Spur“

Das wäre für Ermittler natürlich praktisch. Doch die Realität ist komplizierter.

Nicht jeder Tatort liefert verwertbare Fingerabdrücke, DNA oder andere eindeutige Spuren. Spuren können beschädigt, verwischt, kontaminiert oder schlicht nicht vorhanden sein.

Außerdem können alltägliche Kontakte dazu führen, dass sich zahlreiche Spuren am Tatort befinden, die mit der eigentlichen Tat gar nichts zu tun haben.

Kriminaltechnik kann deshalb unglaublich wertvoll sein – aber sie kann nicht garantieren, dass jeder Fall durch eine einzelne Spur gelöst wird.

Warum Krimis trotzdem nicht auf Kriminaltechnik verzichten können

Auch wenn Film und Fernsehen die Möglichkeiten der Kriminaltechnik gerne etwas übertreiben, bedeutet das nicht, dass die Realität weniger spannend ist.

Im Gegenteil.

Die eigentliche Herausforderung besteht häufig darin, aus einer Vielzahl von Informationen die relevanten Spuren herauszufiltern. Eine kleine, unscheinbare Spur kann plötzlich wichtig werden. Eine vermeintlich eindeutige Spur kann sich als wenig aussagekräftig herausstellen.

Und genau darin liegt der Reiz echter Kriminalfälle:

Nicht jede Spur führt zum Täter. Aber jede Spur kann eine Geschichte erzählen.

Was Film und Fernsehen richtig machen

Ganz falsch liegen Krimis übrigens nicht.

Moderne Kriminaltechnik bietet tatsächlich zahlreiche Möglichkeiten, die Ermittlungen zu unterstützen. Fingerabdrücke, DNA-Analysen, digitale Spuren, Ballistik, forensische Untersuchungen und viele weitere Methoden können entscheidende Hinweise liefern.

Nur funktioniert das alles eben nicht innerhalb von 30 Sekunden.

Und genau deshalb sind echte Kriminalfälle oft mindestens genauso faszinierend wie ihre fiktionalen Pendants.

Besonders spannend wird es, wenn man in die Vergangenheit blickt: Wie wurden Kriminalfälle eigentlich in den 1950er-Jahren aufgeklärt? Welche Möglichkeiten hatte die Polizei damals – und welche Spuren konnten überhaupt gesichert und ausgewertet werden? Genau diesen Fragen widmen wir uns auf unserer 50er-Jahre-Krimi-Tour durch Koblenz.

Unser Fazit: Die Realität ist weniger spektakulär – und gerade deshalb spannend

Wenn der nächste Fernsehermittler nach wenigen Minuten anhand einer DNA-Spur den Täter identifiziert, dürfen wir ruhig ein wenig skeptisch sein.

Denn Kriminaltechnik ist keine Zauberei. Sie besteht aus sorgfältiger Spurensicherung, wissenschaftlichen Untersuchungen, Dokumentation, Vergleich und vor allem viel Geduld.

Und manchmal führt eine Spur nicht zur Lösung, sondern zu einer neuen Frage.

Vielleicht ist genau das der größte Unterschied zwischen Film und Realität:

Im Film gibt es am Ende fast immer eine eindeutige Antwort. In echten Kriminalfällen ist der Weg dorthin oft wesentlich komplizierter.


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Denn manchmal ist die Realität tatsächlich spannender als jeder Krimi.

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