
Projekt Schattentöchter ist ein Verein, der sich seit 2017 gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt. Ich selbst habe den Verein durch den in Koblenz und Umgebung bekannten Fall „Nadja“ im Jahr 2023 kennengelernt (wir erzählen diesen Fall auch auf unseren Krimi-Touren: Eine junge Frau, die zu Tode gequält wurde).
Seit diesem Jahr unterstützen wir das Projekt Schattentöchter, indem wir beim Fall „Nadja“ berichten, was der Verein alles tut und wie wichtig Aufklärung ist. Wir verteilen Flyer an Interessenten. Und ich unterstütze seit diesem Jahr das Projekt Schattentöchter, indem ich mein Trinkgeld nach den Krimi-Touren dem Verein spende.
Ich habe mich mit Betty Kneisler, der ersten Vorsitzenden des Vereins, ausgetauscht. Wir sollten alle mehr über das Thema sprechen, es öffentlich machen.
Es wird zu wenig darüber gesprochen
Menschenhandel, Zwangsprostitution ist so fern von unserem Leben. Es sind immer die anderen, mit denen wir nichts zu tun haben. Und daher ist es uns fremd. So fremd, dass wir kaum bis überhaupt nicht darüber sprechen. Aber wir alle wissen, dass es tagtäglich direkt vor unserer Nase passiert. Das macht hilflos!
Die machen das doch größtenteils freiwillig

Oft hört man diesen Satz der Freiwilligkeit, wenn es um Prostitution geht. Aber stimmt das wirklich?
Viele Menschen sind der Meinung, dass es nur sehr wenige Frauen gibt, die das unfreiwillig machen. Und dann, auch das habe ich schon auf unseren Krimi-Touren gehört, können sie sich doch jederzeit Hilfe holen und aussteigen. Warum machen sie es denn nicht?
Ich habe auch schon Aussagen gehört, wie: „Na, wenn die doch als Prostituierte arbeiten, wissen sie doch, worauf sie sich einlassen.“ Oder: „Die machen das doch nur, um viel Geld zu verdienen….“
Und wenn wir uns die Berichterstattung zum Beispiel mal über die Reeperbahn in Hamburg ansehen, da wird Prostitution doch regelrecht verherrlicht. Spaß, nette Gäste, Junggesellenabschiede – kann doch gar nicht so schlimm sein.
Und die Männer?
Wenn man davon profitiert, will man nicht unbedingt etwas daran ändern, oder? Das, was größtenteils hinter verschlossenen Türen, und auch mit Minderjährigen, passiert, ist ja in der Regel ohne Konsequenzen für die Männer. Warum sollten sie etwas ändern wollen?
Die harte Realität

Ich habe mir eine Dokumentation von Sarah Tacke angesehen (findest du auch auf der Seite vom Projekt Schattentöchter), die harter Tobak ist, aber die Realität schonungslos erzählt. Prostitution in Koblenz: Hier kannst du dir den Film ansehen. Der Bericht ist schwer zu verdauen, aber jede*r sollte ihn sich anschauen.
„Was das für heruntergekommene Orte sind, in denen sich die jungen Frauen und Mädchen prostituieren müssen,“ sagt Betty vom Projekt Schattentöchter, die in dem Film auch zu Wort kommt.
Wie schafft ihr eure Arbeit beim Projekt Schattentöchter, trotz der harten Realität?
Betty wird nachdenklich: „Es ist in erster Linie das Herz für diese Frauen. Wir kämpfen für Besserungen auf allen Ebenen. Den Frauen muss geholfen werden. Es muss aber auch ein gesellschaftliches Umdenken passieren.„
Seit acht Jahren setzt sich das Projekt Schattentöchter für Verbesserungen auf allen Ebenen ein. „Die Mühlen mahlen langsam, aber wir sehen Verbesserungen. Und deswegen werden wir, auch wenn es uns alle manchmal zermürbt, weiter kämpfen!„
„Wir unterstützen uns gegenseitig im Team. Es wird gemeinsam gelacht, die Wut rausgelassen und wir reflektieren. Und natürlich ist es wichtig, dass man selbst gut für sich sorgt!„
Der Sitz vom Projekt Schattentöchter ist in Neuwied – ist das ein Umschlagplatz?
„Früher, vor ungefähr 20 Jahren, war das so. Koblenz ist inzwischen ein riesiger Umschlagplatz für Prostitution. Da kommen wir kaum noch hinterher,“ so Betty vom Projekt Schattentöchter. Warum das so ist, will ich wissen. „Koblenz ist eine der größeren Städte in Rheinland-Pfalz. Aber in erster Linie sind es die Anbindungen zu der Stadt. In alle Richtungen gehen Autobahnen, das Ausland ist nicht fern. Viel LKW-Fahrer, viel Durchgangsverkehr, aber auch Tourismus.„
Als Freier wolle man eher anonym im Rotlichtviertel unterwegs sein. Da will man nicht erkannt werden.
Wie geht man damit um, wenn man erkennt, eine Frau arbeitet als Prostituierte?

In der Dokumentation von Sarah Tacke wird gezeigt, dass die Frauen mit Tattoos regelrecht „gebrandmarkt“ werden. Da werden die Namen der Zuhälter eintätowiert. Wenn ich zum Beispiel so ein Mädchen sehe, spreche ich sie an? Wie kann ich ihr helfen? Wie verhalte ich mich?
„Hilfe anbieten ist immer was Gutes. Aber es kommt immer auf die Situation an! Denn wir wollen ja nicht, dass diese Frauen dadurch einen Nachteil erleben, wenn sie dabei zum Beispiel beobachtet werden. Wenn ein Mann sie anspricht, sind die Frauen grundsätzlich vorsichtig. Denn Männer wollen in der Regel immer etwas von ihnen – und das ist nichts Gutes! Daher werden alle Männer besonders begutachtet. Denn diese Frauen haben gelernt, sich auf schlimme Situationen vorzubereiten.„
Im Milieu sei es schwierig und auch für die Mitglieder vom Projekt Schattentöchter bedeute Kontaktaufnahme immer ganz viel Vertrauensaufbau.
Wie schaffen es die Frauen, in ihrer Situation damit klarzukommen?
Diese Frauen stecken in so einer heftigen Situation, die sie Tag für Tag und das über Jahre erleben. Viele sind in einem Überlebensmodus und wollen nicht daran denken, wie schlimm das ist. Sie müssen im Milieu überleben. Wenn sie anfangen, über ihre Realität nachzudenken, besteht die Gefahr, das nicht mehr zu können.
Oft werden Alkohol und/oder Drogen konsumiert, um überhaupt mit der schrecklichen Realität klar zu kommen. Traumafolgestörungen sind Alltag für diese Frauen. Viele dissoziieren, um überhaupt damit leben zu können.
Selbst bei Hilfsangeboten sind sich viele Frauen nicht sicher, ob diese ernst gemeint sind. Und viele der Betroffenen müssen ja erst einmal erfahren, dass es diese Hilfsangebote gibt.
Hier kannst du dir die Hilfsangebote vom Projekt Schattentöchter ansehen.
Zum Abschuss frei gegeben
Die Betroffenen sind sich darüber im Klaren, erfahren es oft genug und bekommen es auch gesagt, dass wenn sie mit der Prostitution aufhören, oder sogar jemanden verraten, sie nicht mehr in Ruhe leben können.
Oft stecken mafiöse Strukturen dahinter, die über die Grenzen hinaus sehr gut organisiert sind. Oftmals besser als die Polizei. Sagt eine Frau gegen diese Strukturen aus, ist sie fortan nicht mehr ihres Lebens sicher.
„Ein Rauskommen aus dem Milieu ist für diese Frauen ohne Hilfe fast unmöglich!“ sagt Betty.
Wie kommen die Frauen in solch eine Situation?
Oftmals kommen die Frauen aus den osteuropäischen Ländern. Dort, wo die Lebenssituation am schlimmsten ist, tauchen die selbsternannten „Retter“ auf. Da gibt es zum einen die „Loverboys“, die den jungen Mädchen die große Liebe vorspielen. Es wird von einer gemeinsamen Zukunft in Deutschland gesprochen. Eine Arbeit, Geld für die Familie, ein Haus, ein Paradies.
Dann gibt es die „Arbeitsvermittler“, die den jungen Frauen Arbeitsplätze in Deutschland versprechen, meistens in der Gastronomie. Ein Hoffnungsschimmer für jedes junge Mädchen, der Armut zu entfliehen und die eigene Familie finanziell unterstützen zu können, damit auch sie ein besseres Leben haben.
Spätestens hinter der Grenze kommt das böse Erwachen. Alle Papiere werden ihnen abgenommen. Sie landen in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, dessen Regeln ihnen fremd sind, in dem sie niemanden kennen. Und die Hölle hat ihren Anfang.
Wir müssen reden!
Wir müssen mehr die Themen Menschenhandel und Zwangsprostitution enttabuisieren. Wir müssen mehr darüber reden. Besonders die Männer!
„Wir müssen darüber reden, dass wir unsere nächste Generation dahin erziehen, dass das alles stattfinden kann. Seit 2002 (Prostituiertengesetz) ist es für junge Männer vollkommen ok, dass sie zu einer Prostituierten gehen, dass sie sich den Körper einer Frau kaufen. Und wenn dafür Geld bezahlt wurde, kann man auch damit machen, was man will. Was soll schon passieren?!“
„Es gibt eine Studie, die zeigt, dass es Männer nicht davon abhält, zu einer Prostituierten zu gehen, auch wenn sie wissen, dass da Menschenhandel dabei ist. Das einzige, was sie davon abhalten würde, wäre, wenn sie selbst zu Straftätern werden.„
Eine Vorbestrafung oder der berühmte Brief nach Hause zu Ehefrau und Kindern wäre der Schritt in die richtige Richtung. So, wie es das „Nordische Modell“ (Sexkaufverbot) vorschlägt.
Wie lernen Männer Sexualität?
In der Regel über das Schauen von Pornos. Sprich: Was die Pornoindustrie als gerade „in“ deklariert, gilt als Vorgabe, was Jungs über Sex denken und dementsprechend handeln. Und leider lernen Mädchen immer noch zu wenig, sich zu wehren und/oder zu kommunizieren, was ihnen gefällt oder nicht gefällt.
Und das Schlimmste daran? Dass jeder, egal wie alt, oder wie jung, sich diese Vorlagen an Filmen herunterladen und anschauen kann. „Auch ein Fünfjähriger kann das! Es gibt keine Verifizierungspflicht des Alters.„
Das muss man sich mal vorstellten! Auf Zigarettenpackungen muss eine Warnung stehen, aber die übelsten und menschenverachtendsten Filme darf und kann sich jeder ungestraft anschauen. Darüber sollten wir nachdenken – und entsprechend handeln!
Pornos abschaffen?
Frage ich Betty. „Da bin ich bei dir!“ Wer braucht sowas???
Es gibt in den USA die Organisation „Exodus Cry„, die sehr gute Dokumentationen über das Thema machen. Es wurde eine große Kampagne gegen die Pornoindustrie gestartet.
„Das sind Millionen von Videos, die auf der ganzen Welt heruntergeladen werden können.“ Exodus Cry hat es geschafft, dass Pornhub, der größte Pornoanbieter, Millionen von Videos von ihrer Plattform löschen musste. Mit Kreditkarten kann man nicht mehr zahlen. Sie haben also auch einen riesigen Geldverlust dadurch. Es wurden durch die Kampagne Gesetze ins Leben gerufen, dass nicht jeder Pornos von den Seiten herunterladen kann. Das wäre eine Kampagne, die wir hier auch brauchen!
Wenn du vielleicht auch schon mal einen Porno geschaut hast: Weißt du, dass du aller Wahrscheinlichkeit einer Vergewaltigung zugeschaut hast???
Das Nordische Modell – bekommen wir das in Deutschland?
Experten haben bewiesen, dass es funktionieren wird. Andere Länder haben es schon umgesetzt.
Dieses Modell besteht aus drei Bestandteilen: Entkriminalisierung der Prostituierten, Kriminalisierung der Sexkäufer und Betreiber, sowie Finanzierung von Ausstiegsprogrammen für Prostituierte.
Seit Oktober 2023 gibt es den Bundesverband Nordisches Modell – zur Umsetzung des Gleichstellungsmodells e.V.
„Es wird sicher noch Jahre dauern, bis sich das hier umsetzen lässt. In der Kommission gibt es Befürworter und Gegner. Wir sind hier schon offener für das Thema als noch vor einigen Jahren. Alle Aussteigerinnen wünschen sich, dass das Nordische Modell kommen wird.“ Betty vom Projekt Schattentöchter zweifelt.
Würde die Dunkelziffer mit dem Nordischen Modell steigen?

„Ganz im Gegenteil! Bisher wird das Illegale „Legal“ genannt. Deswegen sehen wir es nicht so, dass die Dunkelziffer sich erhöht.„
„Bis zu dem Fall „Nadja“ wurden die Ressourcen, die sich für die Frauen in dem Milieu einsetzten immer weniger. Es brauchte leider diesen Fall, um viele Türen öffnen zu können. Auf allen Ebenen!„
Nadja bedeutet Hoffnung! Für alle Beteiligten. Die Aussteigerinnen, die mit auf der Beerdigung von „Nadja“ dabei waren, waren tief berührt, dass sich so viele Menschen für die Geschichte und damit für diese Frauen interessieren. Und das gibt Hoffnung!
Das Projekt Schattentöchter hatte diese Beerdigung bezahlt und organisiert. Sie haben auch Kränze vor dem Haus, in dem der Fall „Nadja“ passiert ist, abgelegt. „Dort gab es vermehrt blöde Kommentare und die Kränze sind dort ganz schnell verschwunden.„
Es wurden vom Verein auch Frauen aus dem Milieu zur Beerdigung eingeladen. „Dort haben wir große Angst wahrgenommen. Angst davor, zu wissen, in welcher Situation sie leben und dass der Fall „Nadja“ auch ihre Geschichte werden könnte.“
Im Fall „Nadja“ waren es die Zuhälter. „Aber es kann immer auch ein Freier sein, der seine Wut an den Frauen auslässt.“ Die Prostituierten sind sich im Klaren darüber, dass wenn ihnen etwas angetan wird, es niemanden interessiert. Es gibt Freier, die genau danach suchen und das wollen……..
Was muss passieren?
Aufklärung
Gerade mit jungen Männern muss gesprochen werden. Es muss ein Thema werden. „Die jungen Männer haben uns gesagt: Wo, außer auf Pornoseiten, lerne ich mit meiner Freundin umzugehen?!“ Aufklärung muss ein Thema werden! „Entweder du klärst dein Kind auf, oder es wird aufgeklärt. Dann hast du es aber nicht in der Hand!“
Gespräche im eigenen Umfeld
Nutze die Gelegenheit, wenn über das Thema „Prostitution“ oder „Pornographie“ gesprochen wird. Oftmals geschieht so etwas eher lapidar oder auf eine lustige Art und Weise. Dann steh auf und sag, dass du anderer Meinung bist. Frage, ohne zu verurteilen, woher die Person die Informationen hat.
Wir haben lange genug weggeschaut – jetzt sollten wir anfangen, zu reden und auch unser Umfeld dafür zu sensibilisieren.
Du möchtest aktiv helfen?
Dann nimm gerne Kontakt auf zum Projekt Schattentöchter. Du kannst dort Mitglied werden oder spenden. Es werden auch immer Sachspenden benötigt oder Spenden fürs Streetwork.
Genau jetzt in diesem Moment passieren diese Gräueltaten – tausendfach alleine nur in Deutschland. Wir müssen darüber reden!
Wir danken Betty und ihrem Verein Projekt Schattentöchter für das informative Gespräch und die Fotos!

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