Banküberfall Koblenz 1982

Banküberfall Koblenz 1982

Der Banküberfall Koblenz 1982 zählt zu den dramatischsten Ereignissen der Stadtgeschichte. Ein ganz normaler Tag am 5. Oktober 1982 für die Bankangestellten der Sparkasse in Koblenz am Schenkendorfplatz. Doch was sich dann ereignet, wirft Fragen auf.

Ein ehemaliger SEK-Beamter, der eine Bank überfällt. Eine Vorgehensweise der Polizei, die voller Patzer ist und man sich fragen muss, was da los war. Ein Held, der einer Frau das Leben rettet und selbst dabei seines verliert. Posthum wird er als Held geehrt und es wird ihm ein Denkmal aufgestellt. Aber nicht am ehemaligen Tatort, sondern vor der Öffentlichkeit versteckt. Tatort Koblenz!

Was geschah am 5. Oktober 1982 in Koblenz?

Kurz vor der Mittagspause der Bankangestellten, um 12 Uhr, betreten zwei bewaffnete Männer die Sparkassenfiliale am Schenkendorfplatz. Zu dieser Zeit befinden sich neun Kunden in der Bank.

Der Plan war, in die Bank zu gehen, Geld zu verlangen, die Bankangestellten einzuschließen und wieder zu flüchten. Aber Pläne werden oft von der Realität durchkreuzt.

Der Schenkendorfplatz in Koblenz – ein Ort, der nicht mehr an das Verbrechen erinnert

Ein SEK-Beamter, der eine Bank überfällt

Gerhard Benoit war von 1973 bis 1978 Polizeibeamter bei der Landespolizei Nordrhein-Westfalen sowie dem SEK (Sondereinsatzkommando) in Köln. Das Sondereinsatzkommando wird immer dann eingesetzt, wenn es zu Geiselnahmen oder gefährlichen Festnahmen kommt oder bei terroristischen Bedrohungen oder Anschlägen, bei speziellen Befreiungsaktionen von Geiseln oder Entführten und bei Razzien.

Doch Gerhard Benoit strebte eine Karriere der anderen Art an. Er war nämlich der Anführer des Banküberfalls in Koblenz 1982.

Von einem Polizeibeamten zu einem Verbrecher

Gerhard Benoit war schon als Jugendlicher kein unbeschriebenes Blatt. Mit nur 16 Jahren brach er in die Jagdhütte seines Onkels ein und wird dabei von ihm erwischt. Benoit hat eine Waffe dabei und macht von ihr Gebrauch.

Der Onkel stirbt. Benoit wird zu sechs Jahren Jugendhaft wegen Totschlags verurteilt. Wie er es trotzdem in den Polizeidienst und sogar zur SOKO geschafft hat, bleibt ein Rätsel!

Nach der Haft heiratet Benoit, doch seine Ehefrau verlässt ihn. Das Geld reicht offenbar nicht mehr. Doch Benoit scheint kreativ und überfällt kurzerhand einen Metro-Markt. Für den Einbruch nutzt der findige Verbrecher einen Streifenwagen der Polizei. Das sorgte dafür, dass Benoits Polizeikarriere ein Ende nahm.

Aber durch seine Arbeit bei der Polizei hat sich Benoit Wissen angeeignet, wie zum Beispiel bei einem Überfall mit Geiselnahme ein Krisenstab arbeitet. Benoit war fest davon überzeugt, dass es bei einer Geiselnahme nicht zu einer Schießerei kommen darf. Schließlich will der Innenminister ja nicht seinen Job verlieren. So erzählte er es jedenfalls später in seiner Gerichtsverhandlung.

Sein Komplize beim Banküberfall Koblenz 1982 war der damals 36-jährige Tischler Ernst Schluschus. Er fühlte sich mit dem ehemaligen Polizisten sicher. Was sollte schon groß passieren?

Eine der Seitenstraßen der Sparkasse am Schenkendorfplatz – Hier stand überall die Polizei

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Es sollte so einfach sein. Aber was dann beim Banküberfall Koblenz im Oktober 1982 passierte, damit haben die zwei Gangster wohl nicht ansatzweise gerechnet. Aber auch die Verantwortlichen hatten wohl eine andere Vorstellung vom Ausgang des Überfalls. Und die Geiseln? Die hätten sich niemals erträumt, dass ein kurzer Bankbesuch ihr nachfolgendes Leben grundsätzlich verändern würde.

Bis zu diesem Tag war ein Krisenstab darauf geschult, Verhandlungen mit Verbrechern so zäh wie möglich zu gestalten, da sich diese Taktik bis dato bewährt hatte. Verhandlungen wollte man am Tatort führen. Es sollte so vermieden werden, dass Verbrecher den Tatort verlassen.

Dass unsere Bankräuber aber doch den Tatort verlassen konnten, ist das Ergebnis einer Reihe von Pannen.

Erste grobe Panne

Benoit und sein Kompagnon halten die Bankkunden fest. Dass kurz vor der Mittagspause noch so viel Betrieb in der Bank sein sollte, hatte man wohl nicht mit gerechnet.

Benoit ertappt den Filialleiter, wie dieser telefoniert und etwas von einem Überfall erzählt. Als dieser von Benoit zur Rede gestellt wird, streitet dieser das Telefonat ab. Er habe keine Polizei informiert.

Der Räuber erzählt später, er habe dem Filialleiter Glauben geschenkt. Doch dummerweise kam kurz darauf ein Kontrollanruf der Polizei. Sie wollten prüfen, ob es sich beim vorherigen Anruf nicht um einen Scherz handele oder ob tatsächlich ein Banküberfall in Koblenz statt fände…..

Zweite Panne – ist tatsächlich so passiert

In solch einer Situation ist es den Einsatzkräften vorgeschrieben, sich unauffällig dem Tatort zu nähern. Das erklärt sich eigentlich von selbst. Kein Blaulicht, kein Lärm. So unauffällig, wie möglich!

Aber in unserem Fall nähern sie die Einsatzkräfte und vergessen wohl, dass die Glastür der Sparkasse eben eine Glastür ist. Benoit sieht nicht nur die Polizeibeamten, sondern er kann auch hören, wie sich diese laut vor der Bankfiliale unterhalten. Unauffällig geht irgendwie anders…. oder?

Benoit war in diesem Moment klar, dass immer mehr Polizeibeamte vor Ort eintreffen würden und sie nicht mehr ohne weiteres die Bank verlassen können.

Das war der Auslöser für die Geiselnahme, die die Bankräuber nie geplant hatten.

Auch diese Seitenstraße führt zur Sparkasse am Schenkendorfplatz – und auch hier war die Polizei

Die Geiselnahme

Inzwischen war auch der Priester Johannes Rochwalsky eingetroffen, um die Polizei zu unterstützen. Diese führte schon die ersten Verhandlungen mit den Bankräubern. Der Priester lief zwischen Bank und Polizei hin und her, um die jeweiligen Nachrichten zu übermitteln.

Benoit, aber auch die Geiseln, baten den Priester, sich als Geisel für das Fluchtauto zur Verfügung zu stellen. Benoit war davon überzeugt, mit einem Kirchenmitglied noch bessere Chancen zu haben.

Doch leider war der Priester kein geborener Held. Seine Angst war zu groß für diesen Tauschhandel. Er sagte: „Das darf ich nicht tun!“

In der Zwischenzeit war ein Polizeipsychologe aus Hessen, Herr Klaus Thiessen, angereist. Als Benoit drohte, einer Frau ins Knie zu schießen, beteuerte der Psychologe, dass der Räuber es nicht so ernst meinte.

Dritte Panne – mit weitreichenden Folgen

Während die Polizei noch überlegt, handeln die Bankräuber schon (Foto: Fabian Holtappels, Pixabay)

Leider war es Benoit sehr ernst mit seiner Drohung. Das war auch dem nur 19 Jahre jungen Bankanstellten Detlef Becker klar. Er erklärte sich freiwillig an Stelle der Frau bereit, sich ins Knie schießen zu lassen, um diese zu schützen.

Der Polizeipsychologe hat auch bei wiederholtem Androhen vom Gebrauch der Schusswaffe alles nicht so ernst gesehen….. Ganz im Gegensatz zum Bankräuber.

Benoit bat um einen Arzt und schoss dem jungen Detlef Becker direkt ins Knie. Der Priester brachte den schwer verletzten Becker nach draußen, damit er ärztlich versorgt werden konnte. Im Nachhinein war man sich sicher, dass wenn der Seelsorger sich zum Austausch bereit erklärt hätte, wäre es nie zu der Eskalation gekommen.

Wie es Detlef Becker nach dem Knieschuss beim Banküberfall in Koblenz ergangen ist, kommt später.

Die Flucht beginnt – die Pannen gehen weiter

Auch ein Hubschrauber wurde eingesetzt (Foto: Bellezza87, Pixabay)

Das geforderte Lösegeld von 1,2 Millionen DM sowie das geforderte Fluchtauto erhielten die Bankräuber schon am Nachmittag um 16 Uhr. Aber die Verhandlungen zogen sich insgesamt noch bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages.

Spätestens nach dem Schuss auf den jungen Bankangestellten war dem Einsatzleiter Franz Barth klar, dass es die zwei Verbrecher ernst meinten und der Banküberfall nicht so schnell vorbei sein würde.

Um 2:58 Uhr wurde das Fluchtauto von den zwei Dieben gestartet. Man hatte es so präpariert, dass es aus der Ferne manipuliert und zum Stehen gebracht werden konnte. Die Bankräuber fuhren mit dem Auto Richtung Norden.

Doch Benoit merkte sehr schnell am Ruckeln des Wagens, dass damit irgend etwas nicht stimmte. Kurzerhand ließ er diesen einfach stehen, um mit einem anderen Wagen weiter zu fahren. Das wiederholt sich einige male. Einmal benutzt er sogar ein Polizeiauto zur Flucht.

Weitere Pannen – wir zählen schon gar nicht mehr mit

In dem Polizeiwagen können die Bankräuber den Polizeifunk verfolgen. So kommt es, dass sie den Polizeihubschrauber austricksen können.

Dann kommt es zu einem Schusswechsel mit der Polizei. Benoit nimmt daraufhin eine weitere Geisel. Und hier handelt es sich um niemand anderen, als einen Polizeibeamten. Auf geht es zu einer wilden Reise in die sonst so friedliche Eifel.

Die Fahndung lief zwischendurch ins Leere, da das vorher vereinbarte Codewort „Sonnenschein“ nicht genannt wurde. Dann passiert es, dass die Polizeiwagen in die falsche Richtung fahren, weil man links mit rechts verwechselte….

Am Ende der Flucht haben die zwei Räuber drei Geiseln in ihrem Wagen sitzen. Diese binden sie später an einen Baum und flüchten alleine weiter. Dabei locken sie die Polizei wieder in eine Falle. Denn sie selbst rufen von unterwegs bei der Polizei an und geben einen falschen Hinweis. Dieser führte zu einem großen Polizeieinsatz in Kall-Scheven auf einem Bauernhof. Die Täter selbst sind jedoch in der Zwischenzeit über alle Berge.

Die Flucht zieht sich Tage hin

Es soll noch Tage dauern, bis die Polizei endlich den Tätern auf die Spur kommt. Benoit hatte zwischenzeitlich noch eine wilde Schießerei in Köln. Festgenommen wurde er in München.

Der Bankräuber wird zu 25 Jahren verurteilt. Zu welcher Haft sein Komplize, Ernst Schluschus, verurteilt wurde, ist leider nicht bekannt. Auch nicht, was aus ihm geworden ist.

Wo ist das Geld geblieben?

Bei den Festnahmen der Täter war das Geld unauffindbar. Doch die Polizeibeamten des SEK buddelten es wenige Tage nach dem Überfall in der Eifel, in dem Örtchen Kall auf dem Friedhof aus.

Doch warum vermutete man das Geld genau an diesem Ort? Dazu bedarf es einer weiteren Komplizin in dem Fall: Helga M. aus Kall, bekannt als „dat Musch“.

Helga M. war verheiratet mit einem Berufskraftfahrer, der 1965 Selbstmord begeht und in Kall begraben wurde. Er hatte große Geldsorgen und sah keinen anderen Ausweg. Die Witwe zieht nach Spanien. Dort heiratet sie ein zweites mal. Doch diese Ehe zerbricht. Daraufhin kehrt „dat Musch“ wieder in ihre Heimat, nach Kall in der Eifel zurück.

In Köln lernt sie dann den Polizeibeamten Gerhad Benoit kennen und verliebt sich in ihn. Als Benoit nach einem Zwischenlager für die Geldbeute aus dem Banküberfall Koblenz sucht, erinnert sich die Geliebte an das Grab ihres ersten Mannes.

Der Mann, der sich wegen Geldsorgen das Leben nahm, bekam nun eine ordentliche, wenn auch nachträgliche, Grabbeigabe.

Helga M. wurde später zur Haftstrafe wegen Hehlerei und Begünstigung verurteilt.

Die Verbrecher und ihr weiteres Leben

Über den Komplizen Ernst Schluschus ist so gut wie nichts überliefert. Außer, dass er Tischler und 36 Jahre alt war. Denn die Hauptrolle im Banküberfall Koblenz 1982 spielte von Anfang an Gerhard Benoit. Er hat auch während der Verhandlungen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er erzählte viel und verhöhnte dabei die Polizei.

Sein letztes Interview gab Benoit ein Jahr vor seiner Entlassung am 15. Mail 2005. Er erzählte, er habe während seiner Haftzeit zu Gott gefunden. Er nannte sich nur noch „Dan Siluan“ und wollte nach seiner Haftentlassung auf eine griechische Insel auf den Berg Athos, einer Mönchsrepublick auswandern.

Ob es dazu kam und was aus ihm geworden ist, konnten wir leider nicht weiter verfolgen. Über ihn ist nichts mehr zu finden.

Wer war jetzt der Held und was ist aus ihm geworden?

Kommen wir zurück zu dem Schreckenstag des Überfalls zu dem Moment, als sich ein junger Bankangestellter, Detlef Becker, als Geisel zur Verfügung stellt, um das Leben einer Frau zu schützen.

Er war damals, mit nur 19 Jahren, nach seiner Ausbildung als Angestellter in der Filiale am Schenkendorfplatz tätig. Ihm muss während dem Banküberfall bewusst gewesen sein, dass die Diebe es ernst meinten und auf sein Bein schießen werden.

Vielleicht hat er sich gedacht, eine Verletzung am Bein würde er überleben. Das ist auch der Regelfall. Aber leider kam es anders. Detlef Becker, der Held dieser wirren Geschichte, verstarb leider nach zehn Tagen an den Folgen der Verletzung wegen einer Lungenembolie und Thrombose.

Die Pannenserie geht weiter – bis heute

Einem Held stellt man normalerweise ein Denkmal. Normalerweise….

Detlef Becker wurde nach seinem tragischen Tod das erste Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Damit werden Menschen, die besondere Leistungen vollbracht haben, ausgezeichnet.

Am 16. Oktober 1986, vier Jahre nach dem Überfall, wurde eine Gedenktafel an der Sparkassen-Filiale am Schenkendorfplatz angebracht. Aber bevor du jetzt dort hin eilst, um sie dir anzuschauen, warte!

Denn dort ist sie nicht mehr angebracht. Denn die Gedenktafel wurde Jahre später in der Sparkasse in der Bahnhofstraße befestigt (warum? Wir wissen es nicht). Später ist sie dann im Verwaltungshochhaus der Sparkasse am Wöllershof angebracht worden. Von der Öffentlichkeit weggesperrt!

Das Gebäude wird inzwischen saniert. Wo die Gedenktafel ist, weiß niemand….. Und das ist der eigentliche Skandal in der Geschichte! Warum verschwindet eine Gedenktafel einfach so, die einem jungen Menschen gewidmet wurde, der sein Leben freiwillig geopfert hat, um ein anderes zu retten?

Detlef Becker wäre heute ein Mann in den 50igern, hätte vielleicht Familie und Kinder. Er hätte sich ein Leben aufbauen können, was man ihm genommen hat. Und heute weist nirgends mehr etwas auf diesen stummen Helden hin! Niemand gedenkt ihm….

Fazit

Irgendwie bleiben wir von der Spurensuche fassungslos zurück. Wie kommt es, dass ein Vorbestrafter bei der Polizei anfangen konnte zu arbeiten, bis hin zur SOKO? Wie kann es zu so vielen Pannen kommen? War die Polizei in den 1980ern so schlecht ausgebildet? Was war da los?

Wenn die Geschichte nicht wahr wäre, könnte sie als ein Comedy-Programm durchgehen. Aber leider ist es bittere Realität.


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